Infofahrt ins Ruhrgebiet – Impulse für BUGA 2043 und mehr…
Vom Mittwoch, 06., bis Freitag, 08. Mai 2026, hat der Verband Region Stuttgart die Mitglieder des Planungsausschusses und des Ausschusses für Wirtschaft, Infrastruktur und Verwaltung zu einer Infofahrt ins Ruhrgebiet eingeladen. Dabei wurden spannende Projekte und Objekte besichtigt, Gespräche geführt und viele Impulse gewonnen, die für die BUGA 2043 und viele andere Landschafts-park-projekte wichtig sind. Von der Regionalfraktion der Freien Wähler waren – in alphabetischer Reihenfolge – dabei: Hedy Barth-Rößler, Dr. Annette Silberhorn-Hemminger, Gabriele Moersch, Hans-Rudi Bührle, Wilfried Dölker, Rainer Gessler, Andreas Hesky, Andreas Lorey. Wir waren damit die teilnehmerstärkste Gruppe.
Mit der Besichtigung der Zeche Zollverein gelang der Auftakt. Durchaus beklemmend ist es, auf einem Areal zu stehen, auf dem früher tausende von Menschen in Lohn und Brot waren. Mit dem „Aus“ für den Kohleabbau verloren diese ihre Arbeit und Industriebrachen entstanden. Was damit tun? Dieser Frage ging man im Ruhrgebiet bereits bei der IBA Emscherpark Anfang der 1990er Jahre nach. Kultur, Bildung, StartUps, Freizeit – der Besuch von TopGolf, einer Driving Range für jedermann lässt staunen, schmunzeln, vielleicht auch ein „Wow“ sagen, aber auch bewusst werden, dass die Menschen Spiel, Spaß und Sport suchen, wie auch die Skihalle daneben beweist – aber auch Produktion haben dort eine neue Heimat gefunden. Aber natürlich weit weniger Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Wertschöpfung als früher. Dennoch, die Herausforderungen der Transformation wurden mutig angegangen und gelöst.
Das Ruhrgebiet nutz seine Chancen! Tourismus, Marketing und Image passen zusammen. Das wurde im Weltkulturerbe Zeche Zollverein bewusst, aber auch beim Besuch des Gasometers. Aus dem Gasspeicher wurde ein Ausstellungshalle, die bemerkenswerte Installationen ermöglicht und daher jährlich Anziehungspunkt von mehr als 1 Mio. Besuchern ist.
Der Blick von oben auf das daneben liegende CentrO Oberhausen ist sicher interessant, aber die dortige „Neue Mitte“ ist keine Blaupause für die Region Stuttgart, die sich in einem Punkt ganz wesentlich vom Ruhrgebiet unterscheidet: Dort leben in rund 60 Kommunen 5 Mio. Einwohner. Bei uns sind es 2,8 Mio. Einwohner in 179 Städten und Gemeinden.
Unsere Kleinteiligkeit, die lebendigen Innenstädte, der verhinderte Wildwuchs des Einzelhandels auf der Grünen Wiese verleiht unserer Region ihren unverwechselbaren Charme und lässt uns froh darüber sein, dass wir eine andere Kommunalreform hatten, welche Identität und Heimat anders erleben lässt. Natürlich gibt es Stimmen, die immer wieder fragen, ob es sinnvoll ist, dass sich jede Kommune selbst um Wasser und Abwasser oder um ihre Stromnetze oder Schulen und Sportanlagen kümmert? Aber als bekennende Kommunale, die wir Freien Wähler sind, dürfen wir den Subsidiaritätsgrundsatz hoch halten, der in unserer DNA verankert ist, und darauf verweisen, dass wir absolut davon überzeugt sind, dass die Aufgabe am besten dort gelöst wird, wo sie entsteht. Und wenn die Einheit – die Gemeinde – zu klein ist, geht sie auf die nächst höhere Ebene – den Landkreis oder kraftvolle Zweckverbände. Dieser interkommunale Wettbewerb ist ein zentraler Baustein in der Erfolgsgeschichte unseres Landes.
Dennoch, Reisen bildet, und der Besuch beim Regionalverband Ruhr – RVR – der bereits 1920 gegründet wurde, zeigt, dass man anderen Ortes sehr früh die Notwendigkeit erkannt hat, gemeinsam zu planen und zu handeln. Regionale Grünzüge, Landschaftsplanung, Umgang mit den Ewigkeitslasten aus dem Bergbau sind Themen, um die sich beim RVR rund 500 Beschäftigte kümmern. Der RVR hat ebenso wie der VRS eine vom Volk gewählte Regionalversammlung und in manchen Bereichen auch weitere ähnliche Aufgaben, wie Wirtschaft und Tourismus. Aber die Abfallwirtschaft läuft bei uns gut bei den Landkreisen, der RVR regelt sie für das ganze Ruhrgebiet. Und Freizeitbäder beim VRS anzusiedeln, käme uns ganz gewiss nicht in den Sinn.
Warum also ins Ruhrgebiet fahren, wenn doch so vieles anders ist? Weil man immer etwas lernen kann. So auch beim Besuch des Themengartens „Zukunftsgarten Nordsternpark“, an dem noch einige Arbeiten zugange waren, damit in 350 Tagen, am 23. April 2027, die IGA 2027 starten kann. Lernen konnte man, dass die IGA Betreibergesellschaft alles Temporäre macht und die Belegenheitskommune das Dauerhafte. Eine sinnvolle Kombination, die eine Planung Hand-in-Hand sichert.
Lernen konnte man auch einige über die Bedeutung der Binnenschifffahrt im Ruhrgebiet. In den rund eineinhalb Stunden passierten rund 5 Schiffe den Bereich. Wenn man sich ähnlich lange am Neckar aufhält, sieht man mit Glück ein oder zwei Binnenschiffe. Und die Straßen sind hie wie dort voll und weit über ihrer Kapazität. Aber offenbar hat der Rhein-Herne-Kanal mit seinen Schleusen, die eine Nutzlänge von 190 m haben… und wir diskutieren am Neckar, ob eine Verlängerung auf 135 Meter anzustreben ist…
Höhepunkt des Tages im wahrsten Sinne des Wortes war der Tetraeder auf der Halde Beckstraße in Bottrop. Schon von der Halde war der Blick beeindruckend, aber nochmals interessanter natürlich von der schräg aufgehängte Aussichtsterrasse am Tetraeder, einer Landmarke aus der IBA Emscherpark.
Am Freitag stand nochmals ein besonderes gelungenes Konversionsprojekt auf dem Programm: Der Phoenix See in Dortmund. Wenn man an der Uferpromenade steht, über das Wasser blickt, die archetektonisch gelungenen Häser links und rechts des Sees auf sich wirken lässt, fehlen nur noch die Möwen und Fischerboote 😉.
Nach Betriebsschluss des Stahlwerks Phoenix wurde das Werk abgebaut und nach China verkauft. Um die Kontaminationen im Erdreich zu beseitigen, musste einiges Erdreich ausgehoben werden, was der Beginn des Phoenix Sees war, der heute ein wunderbares Gewässer mit hoher Artenvielfalt darstellt und gleichzeitig Regenrückhaltebecken im Starkregenfall ist – und bereits mehrfach bewiesen hat, dass er dieser Aufgabe nachkommen kann. Das ganz wird von einer wasserwirtschaftlichen Genossenschaft gebaut und betrieben. Diese hat auch das recht, städtebauliche Entwicklungsmaßnahmen, die wasserwirtschaftlich begründet sind, umzusetzen – finanziert über die Abwasser- und Regenwassergebühren. Ein kluger Schachzug, der auch manch klammen Kommune hilft, das eine oder andere umzusetzen, das sie sich via kommunalem Haushalt nicht leisten könnte.
Den Abschluss bildete das Wasserkreuz der Emscher mit dem Rhein-Herne-Kanal, an dem ein Weinberg gepflanzt wurde. Einen kleinen sahen wir schon am Phoenix See. Der Klimawandel macht es wieder möglich, im Ruhrgebiet Wein anzupflanzen. In der mittelalterlichen Warmzeit war dies auch bereits möglich. Der ausgeschenkte gute Tropfen wurde bei einem rustikalen Vesper gerne verkostet.

Das „Wasserkreuz“ ist übrigens eine Kreuzung der Emscher, die unter dem Rhein-Herne-Kanal hindurchgeführt wird. In den Kanal dürfen keine Bäche geleitet werden… daher muss die Emscher ihr eigenes Bett haben und bis zur Mündung in den Rhein als eigenständiger Fluss vor sich hin fließen. Anfänglich eher unscheinbar und im Laufe der Zeit, auch durch Einleitungen von Kläranlagen, welche die ehemals als oberirdischen Abwasserkanal missbrauchte Emscher zu einem sauberen Fluss machen.
Was hat die Reise gebracht? Viele tolle Eindrücke, ein gutes Gemeinschaftserlebnis, denn über Fraktionsgrenzen hinweg wurde diskutiert und auch die Phantasie spielen lassen. Und nicht zuletzt wurde die Erkenntnis gewonnen, dass es wichtig ist, die Herausforderungen anzunehmen, die der Wandel bringt. Ihn aufzuhalten ist nicht möglich. Ihn zu nutzen, um das Beste daraus zu machen, auch etwas zu wagen und so manche Bedenken hintanzustellen, ist eine Erkenntnis, die im virtuellen Reisegepäck mit in die Region Stuttgart genommen wurde.
Und wenn Sie nun denken… über das Ruhrgebiet habe ich hier doch schon einmal etwas gelesen, dann trifft das zu. Die Regionalfraktion war im Mai 2022 zu einer Infofahrt in dieser Gegend und hat sich überraschen lassen von den vielen grünen Bereichen, den vielen Flüssen, der guten Luft und den freundlichen Menschen und ist den Radschnellweg RS1 gefahren… wer also meint, das Ruhrgebiet sei grau, kohlenstaubig und laut, kann sich vor Ort davon überzeugen lassen, dass der Pott kocht – anders als früher, aber nach wie vor lebendig, mit Identität, interessant und überraschend anders als man denkt.
Text und Bilder – wie auch sonst, außer es ist anders angegeben: Fraktionsvorsitzender Andreas Hesky













