Die Region Stuttgart als einer der innovativsten Industriestandorte Europas steht vor vielfältigen Herausforderungen. Klimawandel und technologischer Wandel führen zu einem weitreichenden Strukturwandel, insbesondere in den Kernbranchen Fahrzeugbau und Maschinenbau. Dieser Strukturwandel hatte bereits
vor Beginn der Corona-Pandemie begonnen und wird durch deren wirtschaftliche Folgen stark beschleunigt. Für die Region Stuttgart bedeuten diese Veränderungen, dass die Diversifizierung der Wirtschaftsstruktur eine sehr hohe Bedeutung für die weitere wirtschaftliche Entwicklung bekommt. Insbesondere in
der ökologischen Erneuerung liegen dabei erhebliche Chancen.

Mit diesen zukunftsweisenden Fragestellungen befasste sich die Verbandsversammlung der Region Stuttgart in ihrer Sitzung am 21. Oktober 2020. Für die Regionalfraktion Freie Wähler sprach zu diesem Thema Regionalrat Bürgermeister Johannes Züfle. Hier seine Ausführungen im Wortlaut:

„Disruptive Veränderung, Digitalisierung, Dekarbonisierung, Klimawandel, neue Mobilität – das kannten wir alles schon, Anfang 2020. Aber die Pandemie hat viele Prozesse beschleunigt und verstärkt, die vorher bereits angelegt waren und wirkten. Deshalb ist der Anlass für einen Wandel nun zwar drängender, die Begründung war aber schon vor der Pandemie da. Das Modell, das die Region Stuttgart bisher zum Klassenprimus in Baden-Württemberg macht, steht unter Druck. Maschinenbau und automobile Spitzenklasse müssen sich neu erfinden, wenn sie auch morgen noch die Basis für den Wohlstand in der Region sein sollen. Aber es gilt wie immer: große Veränderungen bergen nicht nur Risiken, sondern auch große Chancen.

Betonen wollen wir Freie Wähler dabei, dass wir das berühmte Glas Wasser ausdrücklich halb voll und nicht halb leer sehen. Das Glas ist gut gefüllt mit starken und innovativen Unternehmen, die vom etablierten Global-Player bis zum dynamischen Start-up reichen. Gut gefüllt mit Forschungseinrichtungen, Kompetenzen und mit qualifizierten, zukunftsgewandten Arbeitskräften. Das sind gute Voraussetzungen um den wirtschaftlichen Wandel nachhaltig zu entwickeln. Eine gute Nachricht ist: Wir müssen nicht jetzt erst beginnen. Sondern wir setzen auf einen bereits laufenden Prozess auf. Die Wirtschaftsregion Stuttgart (WRS) hat ihn Mitte 2019 mit dem Strategiedialog RS Reloaded gestartet, ein Prozess der neue Antworten sucht. Technisch geht es um die Fortschreibung der Strategie unserer regionalen Wirtschaftsförderung von 2013. Inhaltlich ging es bereits 2019 auch um die Frage, welche Teile der Wertschöpfungskette und grundsätzlicher, welche Geschäftsmodelle zukunftsfähig sind. Diversifizierung -sich von einem zu großen (und „risikoreichen“) Schwerpunkt zu lösen- ist das Zwischenergebnis.

Hier haben wir als Antragsteller bereits früh unseren Finger gehoben. Wir denken, es braucht auch eine inhaltliche und eine politische Richtung. Der Nachhaltigkeitsansatz ist ja mittlerweile ein Klassiker, das Dreieck aus sozialer Ausgewogenheit, wirtschaftlichem Erfolg und Schonung der natürlichen Ressourcen. Insofern sind wir ehrlich: Weder die Diversifizierungsstrategie noch der Nachhaltigkeitsgedanke als politischer Ansatz sind wahnsinnig neuartig. Müssen sie ja auch nicht, es geht ja darum, ob sie die richtigen Antworten sind. Für uns Freie Wähler sind sie das. Der ökonomischen Zweckmäßigkeit stellen wir so den Gedanken der Sinnhaftigkeit bei.

Allerdings: Aktuell ist vieles in diesem Konzept noch Platzhalter und pauschales Stichwort. Gemeinsame Aufgabe von Regionalversammlung und WRS wird es sein, die sieben identifizierten Säulen mit Substanz zu versehen, sie stabil und tragfähig zu machen. Einige Bereiche werden durch die Innovation sowie das Geld von Bund, Land und EU sehr schnell mit Leben gefüllt werden, siehe die 9 Mrd. Euro für Wasserstoffprojekte im Konjunkturpaket der Bundesregierung. Bei „Zukunft Bau“ wird jedem von uns die IBA 2027 einfallen, bei den Erneuerbaren Energien die großflächige Photovoltaik sowie die Windkraft. Eines hat die Validierung der Zwischenergebnisse eindrucksvoll bewiesen: Wenn wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen erhalten wollen, braucht es Lösungen, die einen riesigen Markt erzeugen. Wer, wenn nicht wir in der Region Stuttgart –das noch gut gefüllte Glas- könnten es schaffen einen solchen Technologie und marktwirtschaftlich getriebenen Ansatz zum Durchbruch zu bringen.

Die nun gefundene Strategie mit Leben zu füllen, kann uns nur gemeinsam gelingen.

Dabei ist der bisherige Prozess von Seiten der WRS notwendig und wichtig: Der Strategiedialog ist breit angelegt, berücksichtigt die Werte von Unternehmen, Kommunen, Wissenschaft und Praxis. Nur ein solcher Prozess kann die Basis bilden für den zielgerichteten Zukunftsansatz. Bei einigen Fragen wird die Region lediglich die Überschrift und das Storytelling bieten können, manchmal haben wir weder Auftrag noch Funktion – sondern die Gemeinden oder die großen Unternehmen. Die Region wird sich weiterhin auf ihre Nische konzentrieren müssen, als gemeinsamer Nenner der Kommunen in diesem Verdichtungsraum, der übergreifende Interessen herausstellt und organisiert. Falls es im regionalen Interesse ist, sind wir im Übrigen bereit, auch typischerweise kommunale Aufgaben wie eine große Gewerbefläche (Stichwort regionaler Vorhaltestandort) regional zu organisieren. Damit wir nicht hoffen müssen, dass nie jemand nach einem Bauplatz für eine Gigafactory fragt (weil wir nämlich keinen haben).

Eines scheint heute klar zu sein: Die Zeit ist nicht nur reif, sondern es ist höchste Zeit für ein neues Narrativ. Wir müssen heute niemandem mehr erklären, warum. Und doch muss eine wohlhabende, vielleicht sogar gesättigte Region, hungrig werden auf die Zukunft. Dafür brauchen wir ein gemeinsames, anschauliches, einendes Bild eines neuen wirtschaftlichen Ökosystems, das nach innen Kräfte freisetzt, und nach außen ein attraktives Image einer nachhaltigen Region zeichnet, die alten und neuen Kunden Zukunftslösungen in einem breit gefächerten Produktions- und Dienstleistungsspektrum bieten kann.

Damit eine solche gemeinsame Überzeugung für das Thema wachsen kann, braucht es ein klares Kommunikationskonzept und eine Bewerbung der Dachmarke der nachhaltigen Region. Dazu braucht es den Austausch. Wir hoffen, dass ein Kongress zu gegebener Zeit als Präsenzveranstaltung ausgerichtet werden kann. Auch ein Budget von 100.000 Euro scheint uns für die ersten Maßnahmen adäquat zu sein. Noch ausschlaggebender wird es für eine solche Strategie aber sein, dass die WRS mit der Nase im Wind für Zuschüsse auf EU- und Bundesebene, genauso wie für innovative Unternehmen mit den entsprechenden Produkten und Lösungen, die sieben Säulen Stück für Stück aufbaut und stabilisiert.

Prof. Dr. Fischedick hat nämlich recht: Das erfolgreiche Aufgreifen von Chancen ist kein Selbstläufer: Es braucht dafür Mut, Entschlossenheit und innovative Methoden.

Wir Freie Wähler sind bereit, diesen Prozess mit Rat und Tat zu begleiten.“

 


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